Ein Pass landet knapp an der Seitenlinie. Gleichzeitig wird der Quarterback zu Boden gebracht, an der Line of Scrimmage fliegt eine gelbe Flagge und wenige Sekunden später diskutieren mehrere Schiedsrichter miteinander.
Wer entscheidet jetzt eigentlich was? Die Schiedsrichter im American Football kurz erklärt.
Beim American Football gibt es nicht einfach nur den einen Schiedsrichter. Mehrere sogenannte Officials teilen sich das Spielfeld und beobachten unterschiedliche Bereiche eines Spielzuges.
Das ist notwendig, denn bei einem einzigen Play passieren gleichzeitig zahlreiche Dinge: Während der Quarterback den Ball wirft, kämpfen Offensive und Defensive Line gegeneinander, Receiver laufen ihre Routen, Defensive Backs versuchen sie zu verteidigen und irgendwo bewegt sich der Ball über das Feld.
Ein einzelner Mensch könnte unmöglich alles gleichzeitig beobachten.
Official oder Referee – wo liegt der Unterschied?
Im Deutschen sprechen wir meistens einfach von „den Schiedsrichtern“.
Im American Football ist die Bezeichnung etwas genauer.
Official ist der Oberbegriff für die Mitglieder der Schiedsrichtercrew. Der Referee ist dagegen eine bestimmte Position innerhalb dieser Crew.
Er ist der Leiter der Crew und leicht zu erkennen:
Der Referee trägt die weiße Kappe.
Daher stammen auch Bezeichnungen wie „White Hat“ oder „Whitehat“.
Die anderen Officials tragen üblicherweise schwarze Kappen.
Warum gibt es mehrere Officials?
American Football gehört zu den Sportarten, bei denen während eines Spielzuges besonders viele Situationen gleichzeitig bewertet werden müssen.
Ein Beispiel:
Der Quarterback bekommt den Snap.
Währenddessen muss beobachtet werden, ob sich ein Spieler vorzeitig bewegt hat. An der Line kämpfen mehrere Spieler gegeneinander. Receiver und Verteidiger laufen teilweise 30 oder 40 Yards über das Feld. Der Quarterback wirft den Ball und wird unmittelbar danach von einem Verteidiger getroffen.
Jetzt müssen gleichzeitig Fragen beantwortet werden:
War der Snap regelkonform?
Gab es Holding?
Wurde der Quarterback regelwidrig getroffen?
Gab es Pass Interference?
Hat der Receiver den Ball kontrolliert?
War er mit beiden Füßen beziehungsweise gemäß dem jeweiligen Regelwerk korrekt im Feld?
Wo endete der Spielzug?
Genau deshalb besitzt jeder Official einen bestimmten Beobachtungsbereich und festgelegte Aufgaben.
Wie viele Schiedsrichter stehen auf dem Feld?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Zahl.
Je nach Liga, Wettbewerb und verfügbarem Personal können unterschiedlich große Crews eingesetzt werden.
Im internationalen Officiating-System sind beispielsweise Mechaniken für Crews mit drei, vier, fünf, sechs, sieben oder acht Officials vorgesehen.
Je kleiner die Crew, desto größer wird der Bereich, den ein einzelner Official beobachten muss.
Bei großen Crews können die Aufgaben wesentlich stärker aufgeteilt werden.
Die NFL verwendet beispielsweise regulär eine Crew mit sieben Feld-Officials.
Die wichtigsten Positionen
Auch wenn nicht jede Liga jede Position verwendet, begegnen einem im American Football immer wieder dieselben grundlegenden Aufgabenbereiche.
Referee (R)
Der Referee ist der Leiter der Crew.
Er koordiniert die Officials, überwacht die korrekte Anwendung der Regeln und kommuniziert Entscheidungen.
Bei Spielen mit Stadionmikrofon ist er außerdem derjenige, den die Zuschauer besonders häufig wahrnehmen.
Wenn eine Strafe verkündet wird, erklärt der Referee beispielsweise:
welches Foul begangen wurde, gegen welches Team es ausgesprochen wird und welche Konsequenz daraus entsteht.
Seine weiße Kappe macht ihn leicht erkennbar.
Umpire (U)
Der Umpire beschäftigt sich besonders intensiv mit dem Geschehen rund um die Line of Scrimmage und den Spielern im Zentrum eines Spielzuges.
Dort geht es körperlich besonders zur Sache.
Entsprechend wichtig sind beispielsweise Beobachtungen von Blocks und möglichen Holding-Vergehen.
Die genaue Positionierung des Umpires kann sich allerdings je nach Regelwerk und verwendeter Crew-Mechanik unterscheiden.
Down Judge / Linesman
An einer Seite der Line of Scrimmage befindet sich ein weiterer wichtiger Official.
Je nach Regelwerk und Organisation begegnen einem unterschiedliche Bezeichnungen wie Down Judge, Head Linesman oder Linesman.
Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem die Beobachtung der Line of Scrimmage, der Seitenlinie und bestimmter Receiver und Blocks.
Außerdem spielt diese Position eine wichtige Rolle bei der Verwaltung der Downs und der Zusammenarbeit mit der Chain Crew.
Line Judge (LJ)
Auf der gegenüberliegenden Seite arbeitet der Line Judge.
Auch er beobachtet die Line of Scrimmage und seine Seitenlinie.
Gemeinsam ermöglichen die beiden seitlichen Officials beispielsweise die Beurteilung von:
- False Starts
- Offside
- Spielzügen an der Seitenlinie
- Forward Progress
- Pässen in ihrem Zuständigkeitsbereich
- bestimmten Blocks und Kontakten
Sie haben außerdem einen ausgezeichneten Blick entlang der Line of Scrimmage.
Die Deep Officials
Bei größeren Crews kommen zusätzliche Officials hinzu, die weiter im Defensive Backfield positioniert sind.
Besonders wichtig werden sie beim Passspiel.
Back Judge (BJ)
Der Back Judge arbeitet tief im Defensive Backfield und übernimmt Aufgaben im Zentrum des Feldes.
Bei langen Pässen muss er beispielsweise Receiver und Verteidiger beobachten und beurteilen, ob es zu regelwidrigem Kontakt gekommen ist.
Auch bei Kicks übernimmt der Back Judge wichtige Aufgaben.
Field Judge (FJ)
Der Field Judge arbeitet tief auf einer Seite des Spielfeldes.
Besonders beim Passspiel beobachtet er Receiver und Verteidiger in seinem Bereich.
Dabei geht es unter anderem um Fragen wie:
War der Pass vollständig?
War der Spieler im Feld?
Gab es Pass Interference?
Gab es Holding oder einen illegalen Block?
Side Judge (SJ)
Auf der anderen Seite übernimmt der Side Judge vergleichbare Aufgaben.
Field Judge, Side Judge und Back Judge ermöglichen es einer großen Crew, das tiefe Passspiel aus mehreren Perspektiven zu beobachten.
Und was ist der Center Judge?
Wer College oder internationalen Football verfolgt, kann noch auf eine weitere Bezeichnung stoßen:
Center Judge (C beziehungsweise CJ).
Er wird bei bestimmten Crew-Systemen als zusätzlicher Official eingesetzt.
Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum man die NFL-Crew nicht einfach auf den gesamten American Football übertragen sollte.
Je nach Regelwerk und Wettbewerb können sowohl die Anzahl der Officials als auch ihre Positionierung und Zuständigkeiten unterschiedlich sein.
Was bedeutet eine gelbe Flagge?
Sie gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Gegenständen des American Football:
die gelbe Penalty Flag.
Beobachtet ein Official ein Foul, wirft er seine Flagge auf das Feld.
Das bedeutet zunächst nur:
Ein Official hat ein mögliches Regelvergehen erkannt.
Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Referee selbst das Foul gesehen hat.
Nach dem Spielzug kommuniziert die Crew miteinander. Anschließend wird die Entscheidung bekanntgegeben.
Eine Flagge kann unter bestimmten Umständen auch wieder zurückgenommen werden.
Warum werfen Schiedsrichter manchmal kleine Säckchen?
Neben den gelben Flaggen sieht man Officials gelegentlich einen kleinen Gegenstand auf das Spielfeld werfen.
Dabei handelt es sich um einen sogenannten Bean Bag.
Er kennzeichnet bestimmte Stellen auf dem Spielfeld, die für die weitere Regelanwendung wichtig sein können.
Der Bean Bag signalisiert deshalb nicht automatisch ein Foul.
Gelbe Flagge = mögliches Foul
Bean Bag = wichtige Stelle markieren
Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Die wichtigsten Handzeichen
Da ein Footballstadion laut sein kann und Entscheidungen für Spieler, Trainer und Zuschauer eindeutig erkennbar sein müssen, verwenden die Officials standardisierte Signale.
Zu den bekanntesten gehören:
| Signal | Bedeutung |
|---|---|
| Beide Arme nach oben | Touchdown / erfolgreiches Field Goal bzw. Try |
| Hände an die Hüften | Offside |
| Hände vor der Brust ineinander | Holding |
| Hände nach vorne ausgestreckt | Pass Interference |
| Arme seitlich kreuzen | Incomplete Pass |
| Hände kreisen voreinander | False Start |
| Hände bilden ein „T“ | Timeout |
Die exakte Bedeutung und Ausführung richtet sich nach dem jeweiligen Regelwerk.
Wer entscheidet bei unterschiedlichen Meinungen?
Officials arbeiten als Team.
Deshalb sieht man nach komplizierten Situationen häufig mehrere Schiedsrichter zusammenstehen.
Sie tauschen aus, was sie aus ihren jeweiligen Blickwinkeln beobachtet haben.
Das ist besonders wichtig, weil ein Official beispielsweise den Ball beobachtet haben kann, während ein anderer den Kontakt zwischen zwei Spielern gesehen hat.
Die Crew setzt diese Informationen anschließend zusammen.
Der Referee übernimmt dabei die leitende Rolle.
Warum schaut nicht einfach jeder auf den Ball?
Das wäre sogar ein Fehler.
Professionelles Officiating funktioniert gerade deshalb, weil nicht alle Officials den Ball beobachten.
Während ein Zuschauer instinktiv dem Ball folgt, müssen die Officials ihre jeweiligen Verantwortungsbereiche im Auge behalten.
Bei einem Pass kann ein Official deshalb einen Block beobachten, obwohl der Ball längst 20 Yards weitergeflogen ist.
Ein anderer beobachtet den Quarterback.
Der nächste verfolgt den Receiver.
Und ein weiterer achtet auf die Seitenlinie.
Erst die Kombination dieser unterschiedlichen Blickwinkel ermöglicht eine möglichst vollständige Bewertung des Spielzuges.
Fazit: Viele Augen für einen Spielzug
Die Schiedsrichtercrew im American Football funktioniert wie ein Team innerhalb des Spiels.
Der Referee führt die Crew, doch er entscheidet keineswegs jede Situation allein. Umpire, Line Officials und Deep Officials besitzen jeweils eigene Beobachtungsbereiche und Verantwortlichkeiten.
Dabei gilt:
Je größer die Crew, desto genauer können die Aufgaben verteilt werden.
Welche Positionen tatsächlich eingesetzt werden und wo sie stehen, hängt jedoch von Liga, Regelwerk und Crewgröße ab.
Und genau deshalb lohnt sich ein gesonderter Blick auf die bekannteste Footballliga der Welt.
